Geschichte unseres Theaters

Als das „Hanauer-Marionettentheater“ 1968 von Georg und Gerlinde Richter gegründet wurde, hatten einige der hölzernen Figuren aus der Startphase eine bereits rund 300jährige Dienstzeit hinter sich. Nach den Ursprüngen unseres Familienunternehmens konnten wir erst forschen, nachdem die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten nicht mehr existierte, denn das Stammland des Richterschen Puppenspiels waren die Regionen des östlichen Teils Deutschlands.

Schon seit vielen Generationen waren die Richters als wandernde Marionettenkünstler unterwegs. Sie präsentierten ihre Aufführungen in früheren Jahrhunderten auf dem Lande und in den Städten und Höfen der Fürsten. Dabei hatten die sog. „landfahrenden“ Puppenspieler aber auch immer ein Stammhaus, in welchem sich die weit verstreut agierenden Mitglieder der Familien im Winterquartier wieder trafen.

Wohl die ältesten Marionetten - um 1700

Die restriktive Politik der Regierung in der damals noch jungen DDR, die den nachrückenden Töchtern und Söhnen der Puppenspielerfamilien keine neuen Reisegewerbescheine mehr ausstellte, sondern sie zwang, beim elterlichen Betrieb zu verbleiben, war für viele Marionettenspieler der Grund, sich in den Westen Deutschlands abzusetzen. So wie Georg Richter mussten viele Marionettenspieler ihre Betriebe (Fuhrpark, Bühnen und Marionetten) im Osten zurücklassen, als sie ihr Heil in der Flucht suchten. Auch Georg Richter konnte nur acht historische Köpfe in einer Reisetasche mit sich führen, als er 1952 von Ost- nach Westberlin wechselte und im Anschluss mit seiner Familie in die junge Bundesrepublik Deutschland weiterflog. Einiges aus dem ursprünglichen Fundus fand durch die Flucht der weiteren Familienmitglieder wieder zu unserer Bühne zurück, so dass wir heute über eine Sammlung von rund 250 Marionetten verfügen. Andere Richter-Marionetten fanden ihren Weg nach der Wende ins Puppentheatermuseum von Lübeck, wo sie heute in einem eigenen Richter-Flügel ausgestellt sind.

Nach der Flucht war für fast alle Mitglieder der Familie Richter das Puppenspielerdasein zunächst zu Ende. Es galt rasch Geld zu verdienen, um die Familie zu ernähren. Georg Richter arbeitete in verschiedenen Hanauer Großbetrieben und nahm teilweise mehrere Arbeitsstellen an, um die auf neun Köpfe gewachsene Familie über Wasser zu halten. Ans Marionettenspiel dachte Georg Richter in dieser Phase nur noch von Zeit zu Zeit mit leiser Wehmut zurück. Aber dann kam der Tag, als der damalige Chef der „Steinauer Holzköppe“, Herr Karl Magersuppe, seinen Kollegen aus dem Osten überzeugen konnte, die alte Kunst nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. 1968 wurden die alten Puppenköpfe wieder aus dem Keller geholt und in unzähligen Stunden neu aufgearbeitet. Es wurde eine neue Bühne gebaut, die der jahrhundertealten Tradition der Richter-Bühnen nachempfunden war. Frau Gerlinde Richter nähte die Kleider und Georg Richter schuf in kurzer Zeit neue Marionettenköpfe und -körper. Es wurde ein Anhänger fürs Familienauto angeschafft und das „Hanauer-Marionettentheater“ war gegründet.

Vorübergehend war das Spiel mit den Marionetten lediglich ein Nebenerwerb, doch schon bald setzten sich die Qualität und der gelungene pädagogische Ansatz des Theaters weit über die Stadtgrenzen Hanaus hinweg durch. Ab 1980 konnten Georg und Gerlinde Richter wieder vollständig vom Theater leben. Es erfolgten Gastspielreisen in verschiedene Teile der Bundesrepublik Deutschland. Die alte Tradition war wieder lebendig. Wie sich der Übergang von der achten zur neunten Generation einmal gestalten sollte, wurde am Anfang der 90er Jahre ein dringliches Problem. Im Gegensatz zu früheren Generationen, in denen die Kinder dem Lebensrhythmus der Eltern folgten, um später einmal selbst Marionettentheater zu spielen, zeitigte die Tatsache der Ansässigkeit der Richters in Hanau Folgen, die anfangs unterschätzt worden waren. Hatten die Marionettenspielerkinder in früheren Generation oft nur die klassische Volksschulbildung, die sie – so wie Georg Richter – in sechs Jahren in bis zu 300 verschiedene Schulen führte, eröffneten sich der neuen Generation viele Möglichkeiten der schulischen und beruflichen Bildung. So verzögerte sich die Übergabe des Theaterbetriebes von einer Generation zur nächsten bis ins neue Jahrtausend.

Einige Jahre leitete Roland Richter zusammen mit seiner Frau, Dr. Jale Richter, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin, in neunter Generation das Marionettentheater. Nach der Trennung Jale Richters von Ehemann haben sich neue Schwerpunkte in der Gestaltung und Ausführung des Theaters entwickelt. Das „klassische Theater“ hat sich in der Zeit der Kooperative der Eheleute weiterentwickelt. Die damals entstandenen neuen Stücke und Konzepte wurden von Roland Richter & Tochter Katja Fiona Richter in eine neue Form gebracht. Dabei wurden aber die Leitlinien des Richterschen Marionettenspiels bewahrt.

Seit Oktober 2015 wohnen Katja Fiona und Roland Richter in Bad Nauheim. Dort haben die Beiden das kleinste Zimmertheater der Welt eingerichtet. Im Wechsel werden dann Dramen, Tragödien, Komödien und Märchen im Zusammenspiel zwischen Marionette und Mensch stattfinden. Seien Sie gespannt!